Togohilfe-Reisebericht: Teil 1

Erlebnisse und Begegnungen, spontan von Stefan Raetz notiert.

 

Montag, 21. November 2016

Oh, was waren das stressige Tage vor dem Start nach Togo. Wie immer viel los im Rathaus und zusätzlich der Start der Karnevalssession. Damit die 7 Rheinbacher Prinzenpaare, Dreigestirne und die Einzelprinzessin von mir proklamiert werden konnten, bin ich erst heute nach Togo aufgebrochen. Karneval ist wichtig im Rheinland. Wer ist Prinz in Rheinbach interessiert mehr als die erneute Kanzlerkandidatur von "Mutti". Nach dem letzten Termin gestern Abend im ehemaligen Tresorraum des Kartenlagers der Bundeswehr, wurden die finalen Vorbereitungen getroffen. Alles eingepackt? Ja! Birgitta ist da (und nicht nur da) perfekt. Geschenke, Privates, Tabletten (Malariaprophylaxe), Sonnencreme (35 ℃), Ladekabel, Papiere - alles dabei. Es kann losgehen. Michael, unser Vorsitzender der Togo-Hilfe ist mit Uschi, der Patenbeauftragten, Silvia, der Frau für alles und Klaus, unserem Starfotografen schon in Togo. Um 3:15 h klingelt der Wecker. Schnell einen Kaffee, passend To Go! Und dann auf nach Düsseldorf. Eine Stunde mit dem Auto bis zum Flughafen unseres Landeshauptdorfes. Das klappt nur zu tiefer Nachtzeit. Ein letzter Kuss für Birgitta und schon am Check In. Na, wie schwer sind die Koffer? 23 kg sind jeweils erlaubt. 22,8 kg und 24, 2 kg. Das passt! Ruckzuck sitze ich am Gate 78. Pünktlich startet die kleine BAe 146 von WDL (fliegt für Air France) nach Paris. Voll besetzt. Gute Beinfreiheit. Ein ruhiger Flug. Sind meine Koffer dabei? Ich werde es in Lomé erfahren. Nach 60 Minuten setzen wir auf. Es regnet in Paris. Grau in grau. Der Anschlussflug ist schnell gefunden. Mit Bus, Aufzug, Laufband und Rolltreppe geht's zum Gate 46 im Bereich L. Super, sogar Steckdosen am Sitz. Atomstrom für das Handy? Egal - muss sein. Das Boarding der 208 Passagiere funktioniert überraschend gut. Ich sitze im Airbus A 330-200 im hinteren Bereich rechts am Fenster. Für Fernflüge eine kleine Maschine. Neben mir sitzt ein schmaler Chinese. Glück gehabt, denn einige Passagiere sind mehr als gut genährt und schwitzen geruchsvoll auch bei niedrigen Temperaturen. Mein Sitznachbar kommt gerade aus Shanghai und muss in Lomé an Bord seines Containerschiffes. Ob ich ihn im Seemannsheim wieder sehe? So, jetzt 8 bis 9 Stunden sitzen. Haha, gut, dass ich Beamter bin. Die können das! Locker. Mit 20 Minuten Verspätung verlassen wir das Gate. Von einer Pilotin gesteuert heben wir 15 Minuten später ab. Ich bin dabei. Die Koffer, der Rugby-Ball für Raymond (unser Patenkind), die 10 Fußbälle (ohne Luft) und die Togo-Hilfe-Jahreskalender hoffentlich auch. Abwarten. Mit Bohemian Rhapsody von Queen auf den Ohren gewinnen wir an Höhe. Jetzt kann der Service beginnen. Ein Apéritif lässt hoffen. Bei "We will Rock You" schaue ich aus 10 km nach oben und winke Jacob zu. Bring auch den Himmel zum lachen, mein Wanderfreund! Über Mallorca - nur Wolken - mit Adele im Ohr dann das Menue. Ein Rotwein zur Mittagszeit. Na klar, ich bin ja quasi in Frankreich. Über Afrika verfliegen die Wolken. Die Pilotin ist noch auf Kurs. Viel Sand, Dünen, ein paar Oasen und ab und zu Wüstenpisten in Algerien. Das ist alles. Stundenlang. Nicht ein Baum. Hier möchte ich nicht Hund sein. Beinchenheben unmöglich.

Nach 4000 km und 6 Stunden nach dem Abheben in Paris dann die Landung in Niger in der Hauptstadt Niamey. Nur Wüste, der Niger, etwas Grün am Ufer, Lehmhütten und eine Landebahn im Nichts. Die Passagiere nach Lomé bleiben im Flieger sitzen. Schnell waren es 37 ℃ im Cockpit, denn die Türen standen offen. Niamey ist das Transportkreuz der Bundeswehr für die UN-Mission Minusma in Gao. Eine Transall war auch zu sehen. Nach einer guten Stunde Stehzeit hoben wir wieder ab. Noch 820 km nach Lomé. Um kurz vor 18.00 h Ortszeit (in Deutschland schon 19:00 h)  eine weiche Landung. Wow, ein neues. modernes Terminal empfing mich. Kein Feldflughafengefühl mehr. Der kleine Doktor ist immer noch da. Ein kurzer, flüchtiger Blick in den Impfpass - alles OK. Die Einreiseprocedur haben sich die Togoer von den Amerikanern abgeschaut. Alles wird erfasst. Jeder Finger. Jedes Auge. Wofür? Am Kofferband musste ich meine Abschnitte vom einchecken vorzeigen. Sehr gut! Und meine Koffer waren da! Juhuh! Nochmals durch die Durchleuchtung (haben die hier bessere Detektoren wie wir?) und raus in die Hitze. 18:40 h, Stockdunkel und noch 35 ℃. Gestern der Glühwein fiel mir plötzlich ein. Aimé, unser Koordinator vor Ort, ist noch der Alte. Sieht gut aus mit Brille. Das T-Shirt spannt. Francoişe kocht gut! Mit dem "Brilli", Michaels ehemaligem brillenbeklebtem Corsa fahren wir zum Seemannsheim. Es hat sich nichts verändert auf den Straßen, naja Pisten, Lomés. Die Motorradfahrer haben eindeutig die Vormachtstellung. Ampeln gibt es. Sogar mit Sekundenanzeige bis rot oder grün kommt. Scheint aber nur eine unverbindliche Empfehlung zu sein. Wer sich dran hält beweist Mut! Am Seemannsheim, unserer traditionellen Bleibe in Lomé  angekommen bestaune ich den gegenüber liegenden neuen Container Hafen. Vom Feinsten! Das Seemannsheim wird von der Evangelischen Kirche in Bremen unterhalten. Das muss unterstützt werden. Sauber, aber halt Afrika! In meinem Zimmer 8 müssen 2 kleine Mitbewohner mit flinken Beinchen und harter Schale wieder raus! Die kannte ich bisher nur aus dem Museum König in Bonn. Aimé nimmt den Geschenkekoffer mit. Ich gehe an die Bar. Erfrischung tut gut. Das Flag schmeckt immer noch - 0,65 l Deutsches Reinheitsgebot! Alles herrlich vertraut. Ich bin das 5. mal hier. Zuletzt vor 3 Jahren. Letztes Jahr kamen die Flüchtlinge - da musste ich die Tour kurzfristig absagen. Und jetzt als wäre ich erst letzte Woche hier gewesen. Musik, lauer Abend, kaltes Bier. Der lange Tag endet herrlich. Das Moskitonetz aufgespannt, das Kopfkissen von zu Hause unter dem Kopf (hier werden sie anscheinend mit Roßhaar gefüllt), die Klimaanlage dezent an - Togo ich bin da! Gute Nacht!

 

Dienstag, 22. November 2016

Eine erholsame Nacht liegt hinter mir. Kurz nach 6.00 h wird es schon was lauter. Lomé ist erwacht. Die Nacht hat es kurz, aber kräftig geregnet. Das Ende der Regenzeit. Nach einer belebenden Dusche ab in den.Pavillon zum Frühstück. Auch das Seemannsheim erwacht. Pool säubern, Wege fegen (sind nach 10 Minuten wieder im alten Zustand), Toiletten reinigen - nichts hat sich am Ritual verändert. Nur die Flaggenparade mit der Deutschen und der Togoischen Fahne findet nicht mehr statt. Schade eigentlich.

Aimé muss ein Deutscher sein. Punkt 8.00 h, wie verabredet, kam er mich abholen. Bezahlen, Kopien vom Pass und dem Visum machen (meine Kopien liegen zu Hause!) und dann der Küstenstraße entlang Richtung Grenze zu Ghana zur Deutschen Botschaft. Hier hinterlegen wir stets unsere Dokumente in Kopie. Lomé ist die einzige Hauptstadt weltweit die an einer Grenze liegt. Wer wird Millionär schauen macht schlau! Endlich um 9.00 h dann ab mit dem Taxi nach Kpalimé. Puh ist das jetzt schon warm! Die Straße ist das Leben. Hier spielt sich alles ab. Ein Gehupe überall. Am Straßenrand überall Händler in einfachen Behausungen, zum Teil, nein zum großen Teil, verfallen. Aber es funktioniert. Irgendwie.

Silvia wünscht sich ein Medikament. Wir halten an mehreren Apotheken. Fehlanzeige. Fehlanzeige auch mit unserem Taxi. Nach der 4. Apotheke kein Saft mehr. Unser Fahrer verschwand. Wir haben ihm 10 Minuten gegeben. Er kam in der Zeit zurück. Mit einem "Elektriker". Motorhaube auf, Kabel links, Kabel rechts, kräftig rütteln, anlassen - läuft wieder! Um 10.00 h sind wir durch Lomé durch. Jetzt freie Fahrt auf der Mautstraße Richtung Nordnordwesten. Sehr grün und fruchtbar das Land bis Kpalimé. Leider wird aus dem Teakholz auf den Plantagen Holzkohle gemacht. Riecht aber besonders gut. Tropenholz ist nicht exportierbar. An diversen Polizeikontrollen, erkennbar an der Absperrung mit den Ölfässern, nähern wir uns Kpalimé. Nicht nur windschiefe Laster, wortwörtlich aus der Spur, überholen wir, auch ein Motorrad das ein anderes Motorrad abschleppt. An der 5. Polizeikontrolle dann auch mal eine Überprüfung der Fahrzeugpapiere. Am Mt. Agou, dem höchsten Berg Togos vorbei (keine 1000 m, ich war vor Jahren mal drauf) endlich von Lomé aus nach 120 km in Kpalimé. Im Hotel Geyser war die Begrüßung herzlich. Alle da. Uschi, Silvia, Seli (unsere Beauftragte vor Ort für schwierige Patenschaften), Klaus, Michael, Pater Jean (er kommt von hier und war bis April im Studium und der Doktorarbeit in St. Augustin bei den Steyler Missionaren) und Messan (der Chef des Ausbildungszentrum Agerto) . Keine Zeit, schnell, schnell ab zum Besuch beim Prefekten der Region Kloto, quasi der Landrat. Er war, trotz Terminvereinbarung, nicht da. Afrika! Prefekt kommt nicht von perfekt! In der Bar gegenüber warteten wir auf ihn bei kühlen Getränken, bis der Anruf kam, dass er jetzt da ist.

Ein paar Informationen zur Togo-Hilfe und die Bitte der Unterstützung für Agerto standen im Mittelpunkt. Der Staat verlangt von Agerto für die Ausbildung von benachteiligten Kindern Geld. Dabei erspart Agerto dem Staat die Kosten. Assan Kokou Bertin, der Prefekt, will helfen. Schon auf der Hinfahrt war ich begeistert. Unser VW Passat Kombi fährt noch. Wir hatten ihn vor 2 Jahren als Spende zu Agerto verschifft. Eine lange Geschichte! Vielleicht ein andermal. Zurück im Geyser eine Stärkung. Spaghettis gehen immer! Die Mädels gingen zum Einkauf von Kleinigkeiten für den Weihnachtsmarkt. Michael fuhr zu Agerto zur Kassenprüfung. Ich fuhr mit in der Hoffnung auf WiFi. Leider Fehlanzeige. Dafür mit Max, dem Freiwilligen aus der Nähe von Hamburg unterhalten. Als Jugendlicher nach der Schule ein Jahr hier nach Togo. Heftig! Michael und ich, wir pflanzten im auch so gekennzeichneten "Rheinbacher Stadtwald" von Agerto noch zwei Bäume. Eine Kokospalme und einen Yovozin Baum. Zurück im Hotel noch schnell die Fussbälle aufpumpen, damit morgen bei Agerto die Jugendlichen auch Freude haben. Mit einem gemeinsamen Abendessen in unserem Hotel Geyser ließen wir, gespannt auf das was morgen kommt, den Tag ausklingen.