Togohilfe-Reisebericht: Teil 2

Erlebnisse und Begegnungen, spontan von Stefan Raetz notiert.

 

Mittwoch, den 23. November 2016

Eine erholsame Nacht liegt hinter mir. Gut geschlafen. Eine erfrischende Dusche. Und wie! Ich hatte den Boiler nicht angemacht. Zum Glück ist "kalt" hier relativ. Ein leckeres Frühstück mit exotischen Früchten. Papaya, Mango, Bananen, Ananas - alles ganz frisch. Nach dem Frühstück in die lange Hose, denn es geht zu Agerto zur Abschlussfeier. 48 Auszubildende werden dort unterrichtet. Der deutsche Botschafter, der stellvertretende Prefekt, die traditionellen Honorationen der Stadt, alle sind da.

Auch Thomas Krahl, der lange Zeit für Agerto ehrenamtlich gearbeitet hat, ist gekommen. Die in der Freiwilligenarbeit engagierten Jugendlichen aus Deutschland, meist Mädels, sitzen auch auf den Ehrenplätzen. Viel Musik, live von der Reggae-Band von Thomas gespielt, begleitet die Zeremonie aus Reden, Übersetzungen und Zeugnisausgabe. Togo-Hilfe hat viele Geschenke mitgebracht und zum großen Teil bereits zuvor mit dem Container nach Togo verschifft. Die erfolgreichen Lehrlinge erhalten eine finanzielle Anerkennung der IHK Bonn. Die Lehrer, die hier wenig verdienen, bekommen vom Lehrerfonds der Togo-Hilfe eine "Motivationsspritze". Alles sehr emotional. Das geht unter die Haut. Und immer wieder wird getanzt. Einfach Freude pur. Ein leckeres Mittagessen, die Musik läuft weiter, beendet die Feier. Couscous, scharfe Sauce, Reis und Maisklumpen sind der Hauptgang. Papayas der Nachtisch. Michael hat ein Fässchen Bitburger nach Togo verschifft. Jetzt steht es gekühlt auf dem Festtisch. Eine wahrer Freund!

Mit einem Vertreter des Lionsclub Novissi, der Arzt der Togoischen Fussballnationalmannschaft, sprechen wir über Hilfsprojekte. Der Club baut eine Krankenkasse auf. Neu für Togo.

Im Souvenirladen kaufen wir noch ein paar Untersetzer, zusammen-gesetzt im Mosaik aus verschiedenen Hölzern. Die beiden Germanistik-studenten vom Radio in Lomé, die einmal die Woche in Deutsch senden, bekommen noch einige Sticks von mir. Aber auch die orangefarbenen OBI-Luftballons sind der Hit. Die Ausbildung der Näherinnen läuft immer noch auf den alten, fußbetriebenen Nähmaschinen, die wir vor Jahren in Rheinbach und Umgebung eingesammelt und generalüberholt zu Agerto nach Kpalimé gebracht haben. Ein von Togo-Hilfe finanzierter Auszubildender für Nähmaschinentechnik kümmert sich um den Erhalt. Sehr erfolgreich wird auch im Bereich der Tischlerei ausgebildet.

 

Auf dem Rückweg fahren wir an der "Rue Rheinbach" vorbei. Eine Straße die noch nie Asphalt gesehen hat. Nachmittags dann der Besuch bei drei Patenkinderfamilien in Novissi, einem Stadtteil, sehr muslimisch geprägt, von Kpalimé. Wir bringen kleine Geschenke der Pateneltern mit, erkundigen uns nach den Schulleistungen und inspizieren die Möglich-keiten auch zu Hause zu lernen. Oh sind das ärmliche Verhältnisse! Wir unterstützen jeweils ein Kind für den Schulbesuch, inkl. Sonderunterricht. Auch die ärztliche Betreuung ist gesichert, wie ebenfalls die Lernmög-lichkeit mit Tisch und Stuhl. Raymond, unser Patenkind, hat sich sehr gefreut. Er ist noch so schüchtern wie die letzten Jahre. Inzwischen hat Raymond 4 Geschwister. In der Schule könnte er erfolgreicher sein. Naja, Jungs in dem Alter! Überall das gleiche. Wir bekamen bei den Besuchern in den nun wirklich einfachsten Verhältnissen die herzliche Gastfreund-schaft zu spüren: frische Kokosnuss, Bananen, Papaya, Palmwein, Wasser und Erdnüsse. Noch macht der Magen mit!

Die Fahrt mit dem "Taxi" - natürlich mit Riss in der Frontscheibe - verlangte uns in dem Opel, aber auch dem Fahrzeug alles ab. Schnell waren die asphaltierten Straßen am Ende. Danach "wassergebundene" Beläge. Unglaublich! Tiefe Rinnen, spitze Steine, Hühner, Ziegen und viele Kinder. Immer lachend, immer fröhlich, scheinbar zufrieden und uns zuwinkend. Bei uns würde man auf solchen Wegen nicht mal wandern. Aber es tut gut alle Patenkinder zu besuchen und den Paten berichten zu können, dass die Unterstützung 1:1 ankommt und in die Bildung und Gesundheit des Kindes investiert wird. Immer in der Hoffnung, dass die unterstüzten Kinder es vielleicht mal besser haben. Hilfe zur Selbsthilfe! Abends sind wir ins "Nachtleben" von Kpalimé eingestiegen. Thomas Krahl erzählte von einem neuen "Belgier" in Kpalimé. Na, hoffentlich nicht nur Fritten und Trapistenbiere. Resultat: Fehlanzeige. Dem Belgier ist das Personal weggelaufen. Afrika! Also zur nächsten Empfehlung, nicht weit weg vom Hotel Geyser. Prima "Schuppen" mit Pizza-Ofen. Lecker! Alles etwas schärfer, aber richtig gut. Thomas und sein togoischer Musiker-Künstler-Kumpel machen Musik mit Gitarre, Banjo und Mundharmonika. Super! Nach dem Essen mit Taschenlampen - der Weg ist nicht weit, aber mitunter tief - zurück zum Geyser. Der Musiker und Künstler brachte noch von ihm handgeschnitzte Elefanten vorbei. Toll! Sofort für den Weihnachtsmarkt in Rheinbach gekauft. Und dann: Bettruhe in der Stille der Nacht in Togo. Nur die Klimaanlage surrt.

 

Donnerstag, den 24. November 2016

8.00 Uhr Frühstück und 9.00 Uhr Abfahrt war angesagt. Nach der warmen Dusche - in der Nacht hatte ich diesmal den Boiler angestellt - brachte ich die gepackten Koffer ins Foyer. Salifou, unser bewährter Kleinbusfahrer, wird alles verladen und verzurren. Zunächst fuhren wir knapp 50 km nordwärts auf der gut befahrbaren Straße Richtung Atakpamé bis Elé. Dort Bogen wir rechts ab. Gut 40 km Schotterpiste bis Wahala. Das schlaucht! Über 2 Stunden durchschaukeln. Salifou gibt alles, aber zum Teil sind die Wasserlöcher und Rinnen so groß, dass es nur im Schritttempo zu bewältigen ist. Auf der ganzen Strecke viele Kleinstdörfer, bestellte Felder und Arbeiter auf der Fläche. Arbeiter ist falsch, denn es sind überwiegend die Frauen und Kinder die arbeiten. Oft mit einem Kind auf dem Rücken. Die Frauen sind die Heldinnen Afrikas! Die Gegend ist fruchtbar. Es wird noch per Hand das Getreide gedroschen. Während wir im Bus auf den harten Bänken durchmassiert werden, sehen wir u.a. Sesam (ich habe gar nicht gewusst, das Sesam wie Melone aussieht!), Mais, Bohnen, Chili, Baumwolle (die Region um Notsé ist eine der Baumwolleregionen Togos), Teak, Palmen, Reis und Hirse. Um 12.00 h dann die Ankunft im von außen nobel aussehenden Hotel Le Berceau. Es blieb dabei: von außen! Von unseren Zimmern hatte jedes ein oder mehrere "Defizite". Afrika! Aber WLAN! Le Berceau bedeutet "der Ausbruch". An der Stelle wo das Hotel erbaut wurde, hat sich das Volk der Ewe im 16. Jahrhundert vom brutalen Herrscher befreit, der um sein Reich eine unüberwindbare Lehmmauer gezogen hatte. Mit Hilfe von heimlich angelegten Wasserreserven lösten die Frauen (wieder unsere Heldinnen!) die Mauer während eines Festes auf.

 

Um 13.00 Uhr ging es weiter nach Akpakpakpe, nordwestlich von Notsé. Wieder ein Großteil auf der Roten Sand- und Schotterpiste. Gut, dass es vor Tagen geregnet hatte. Nach 50 Minuten erreichten wir das zweite Ausbildungszentrum von Agerto für benachteiligte Jugendliche. Absolut einfachste Verhältnisse, kein Strom. kein Wasser - eigentlich unvorstellbar so etwas "Nichts" heute noch zu sehen. Auch hier eine überaus herzlicher Empfang.

Wir sind zur Abschlussfeier der erfolgreichen Auszubildenden gekommen. Eisenbieger, Tischler und  Näherinnen werden ausgebildet. 3 haben jetzt ihren Abschluss. 21 Auszubildende sind in den Klassen. Natürlich sind "die üblichen Verdächtigen" - wir sind ja auch da - vor Ort.

Wir sitzen unter dem Palmdach im alten Sofa. Wo haben die das nur hier im Busch aufgetrieben? Vor uns wird zunächst die Flaggenparade mit Nationalhymnen, gesungen von den Jugendlichen, zelebriert. Ergreifend. Wie auch die traditionellen Tänze, die feierliche Zeugnisübergabe, der aufgeführte Sketch und die vielen, vielen Reden. Die Freude der mit Zeugnis und kleiner Anerkennung ausgestatteten Absolventen und derer Angehörigen war unbeschreiblich und bewegend.

Das zeigt, dass wir an der  richtigen Stelle helfen. Unser Lionsclub Bonn-Rhenobacum hat eine Außenklasse im Form eines runden Pavillons gefördert. Wir weihen es mit dem Dorfkönig von Akpakpakpe ein. Danach die Toilettenanlage mit Auffangvorrichtung zum Entleeren. Die Freude ist groß. Bei den Togoern und bei uns.

Als wir die Bälle und die Hüpfseile überreichen jubeln die Kinder. Alle lachen als ich die Springseile vorführe. Nach getaner Arbeit wird gegessen. Traditionell. Scharf und, außer Reis und Maisballen, mit vielem Unbekannten. Ziegenschädel isst man nicht alle Tage. Schmeckt "interessant"! Huhn habe ich mal lieber nicht genommen, da man nie genau sagen kann wie lange das Huhn schon das Zeitliche gesegnet hat. Das Wort "Kühlkette" ist hier nicht bekannt. Um 17.00 Uhr fahren wir unter herzlichem Applaus zurück, denn wir wollen vor der Dunkelheit zurück sein. Wow, was waren das wieder für Eindrücke. Es ist warm in Togo, aber es wurde uns ums Herz noch wärmer. Kurz auf dem Zimmer "frisch machen" und dann noch ein paar Spaghetti und "Kaltgetränke" im Restaurant und der lauen Gartenbar. Danach schnell noch ein paar Mails checken - ohne die Welt zu retten. Meine Klimaanlage im Zimmer geht nur an oder aus. Klirrende Kälte oder brütende Hitze sind die beiden Alternativen. Ich habe mich in der Nacht für Beides entschieden. Immer schön abwechselnd.