Togohilfe-Reisebericht: Teil 6

Erlebnisse und Begegnungen, spontan von Stefan Raetz notiert.

 

Dienstag, den 29.11.2016

Minus 6 Grad in Rheinbach - schon fast 30 Grad plus in Kumasi. So unterschiedlich starten wir in den Tag. Heute Frühstück mit Spiegelei und Nutella aus Ghana. Wir sind scheinbar die einzigen Hotelgäste. Pünktlich ist John da um uns durch den Tag zu begleiten. Schnell noch ausreichend Wasser und Kühleis in die Kühlbox und dann eine Rundfahrt durch die Universität von Kumasi, K.N.U.S.T., deren weitläufiges Gelände sich unweit von unserem Hotel an einem Hügel erstreckt. Eine längere Diskussion am Eingang ob wir mit einem Fahrzeug aus Togo auf das Gelände dürfen, endet positiv. Auffallend sind die mächtigen, einzeln stehenden Bäume auf den großen Wiesenflächen. Sie wurden vom ersten Präsidenten Ghanas, gestiftet vom Botanischen Garten in Ghana, gepflanzt. Wir sehen die Unterkünfte für Studenten und Professoren, die Institute, die Verwaltung und die Hörsaalgebäude. Fast alles kann man hier studieren - Mathematik, Chemie, Anglistik, Fremdsprachen, Landwirtschaft, Pharmazie, Medizin, Kunst, Architektur, Wirtschaft - um nur einige Studiengänge zu nennen. Die Studiengebühren liegen bei etwas 1.300,- US-Dollar im Jahr, incl. einem Jahr Unterkunft auf dem Campus. Ab dem zweiten Jahr muss auch für das Wohnen bezahlt werden. Für Studenten aus dem Ausland liegt der Betrag bei bis zu 6.000,- US-Dollar im Jahr. Noch immer suchen die meisten Absolventen nach dem Abschluss ihr Glück im Ausland. Schade für Ghana und die Nachbarstaaten!

Wir fahren ins Umland, denn es ist geplant drei Handwerkerstädte zu besichtigen. Der Start ist in Bonwire, einem Kente-Dorf. Kente ist der typische, farbenfrohe, gewebte Stoff, der besonders bei Feierlichkeiten getragen wird. Im Hinterhof sind die alten Webstühle in Aktion. Männer weben an den einfachen Holzwebstühlen. Wir durften es auch  mal ausprobieren. Gar nicht einfach! Und ganz schön schwer der Stoff!

Unser nächster Halt ist in Ntonso. Wir parken unter hohen, alten Bäumen an der Grundschule. Herrlich wie die Kinder hier auf dem sandigen, unebenen, von Steinen übersäten, direkt an der Durchgangsstraße gelegenen und nicht eingezäunten "Schulhof" spielen. Die Jungs mit etwas, was früher mal ein Ball war. Die Mädchen mit einem großen Springseil. Nur fröhliche Gesichter. Was könnten wir Geld sparen. Aber wir Überregulieren ja so gerne. Manchmal ist weniger mehr. Wir gehen zu einer Adinkra-Farbstoffherstellung. Die schwarze Adinkrafarbe wird aus einer Baumrinde gewonnen. Wir sehen, wie die Rinde geschält wird, im Bottich mit Wasser aufquillt, dann zu Fasern gestampft wird um zuletzt aufgekocht zu werden. Naturfarbe Schwarz. Damit werden die Stoffe bedruckt. Absolut Waschmaschinenfest, wie uns "das Personal" mehrfach bestätigt. Wir dürfen stampfen und Silvia bedruckt sich einen Stoff mit einem Symbol für Mann und Frau. Auch hier spielt sich alles draußen an. Stoffe in den tollsten Farben und mit den unterschiedlichsten Symbolen hängen an Seilen zwischen den Bäumen. Alles handgefertigt.

Das dritte Dorf wartet. Es ist Pankrono. Hier haben die klassischen Holzschnitzer ihr zu Hause. Das kennen wir auch von anderen Regionen und seit Jahren aus Togo. Ein Künstler haut aus riesigen Baumstämmen den Goldenen Stuhl der Ashanti. Zeit für eine Erfrischungspause, bevor es zum Markt nach Kumasi geht. John lenkt Salifou geschickt auf Nebenstraßen - wie sieht es da aus! - bis ins Herz von Kumasi. Pulsierendes Herz ist der größte Markt Westafrikas. 45.000 Marktstände gibt es offiziell. Es sind aber deutlich mehr Händler auf und um den Markt. Wir parken an der katholischen Basilika von 1929 und gehen zu Fuß über den Markt.

Es beginnt eine einstündige Tour, die wohl keiner jemals vergessen wird, obwohl wir nur den Rand streifen. Auch Aimé und Georg sind "baff" was das für ein Riesenmarkt ist. Es gibt alles! Alles! Und es wird aus allem was gemacht. Aus alten Autofelgen werden Kochtöpfe, aus Blechen werden Eimer geformt, aus Stoffresten wird noch was genäht. John führt uns an Ecken mit fantastischem Blick auf das Markttreiben.

Es ist eng. Sehr eng. Die Frauen tragen unentwegt in Schlüsseln auf dem Kopf Waren zum und vom Markt. Roher Fisch und geräucherter Fisch, Gewürze aller Art, Seifen, Fleisch, Innereien, Gemüse, Obst und alles an "Non-Food". Der pure Wahnsinn. Und Gerüche! Auch der pure Wahnsinn. Wir kämpfen uns durch - können gar nicht alle Eindrücke aufnehmen. So viel ist hier los. An den "Aussichtspunkten" bleibt was Zeit um mal alles auf sich einwirken zu lassen. Wir sind überwältigt. Das ist Afrika und das Chaos funktioniert. Nur, wenn hier mal "was passiert" - aus dem Chaos wird eine Katastrophe.

Noch benommen von den Menschenmassen geht es zurück zum Hotel. Wir verabschieden John, sagen ihm Danke für das was wir sonst sicherlich nicht so erlebt hätten. Und nun noch eine Abkühlung im Pool. Das kleine Außenbecken reicht uns. Tut das gut. Mit dem mit Wasser gefülltem OBI-Luftballon kommt Spielfreude auf. Das Kind im Manne lebt! Das Abendessen nehmen wir im Hotel ein. Pizza! Wieder recht scharf. Ein erlebnisreicher Tag mit vielen Eindrücken geht zu Ende. Wir verstehen die Westafrikaner immer ein Stückchen besser. Das hilft uns bewusster zu helfen. Im Zimmer den Ventilator unter der Decke an, an jedem Flügel ein Handtuch und bei langsamer Fahrt ist alles ruckzuck trocken!