8.Tag - Togoreise 2025

So eine Mücke kann einen ganz schön ärgern. Ich habe es am Morgen unter der Dusche gemerkt. Die Stichdichte nimmt zu. Kurz vor dem Aufstehen zog ein heftiger Regenschauer durch. Ich dachte erst die Klimaanlage ist am Anschlag. Aber nein, es prasselte unaufhaltsam auf das Dach. Wie in Kpalimé – eine halbe Stunde, draußen steht alles unter Wasser und kurze Zeit später kommt die Sonne wieder raus. Das Frühstück bestellen wir abends immer vor. Ganz einfach. Kaffee, Baguette, Croissant, Butter, Marmelade, Orangensaft und den Früchteteller. Und wie immer fehlt am Morgen etwas. Wir nehmen es locker. Morgen der nächste Versuch.

 

Heute ist großer Patenkinder-Tag. Es stehen den ganzen Tag Besuche an. Der Sonntag bietet sich da an, da alle zu Hause sind und es auf den Straßen und Pisten nicht so voll ist. Seli begleitet uns wieder. Aimé ist auch immer dabei. Nach dreißig Minuten Fahrt erreichen wir Esther, dass Patenkind von Egon. Wir sitzen im Innenhof. Esthers Mutter ist noch leicht von einem Schlaganfall gezeichnet. Sie hat Bluthochdruck, nimmt aber täglich die Tabletten. Sie verkauft in einem Halbcontainer an der Hauptstraße Fisch und Gewürze. Esther besucht die 10. Klasse, das ist die Abschlussklasse der Realschule. Ihre Schwester Romaine ist in der 12. Klasse, d.h. der Vorabiturklasse. Esther ist eine gute Schülerin, nur Mathe und Physik bereiten etwas Sorgen. Sie möchte, wie Romaine, im Gymnasium Deutsch als Fremdsprache wählen. In der Schule fehlen leider die Englischbücher und das Deutsche Lesebuch und Arbeitsheft. Silvia lässt das notwendige Geld für die Beschaffung da. Das mitgebrachte Kleid von Silvia steht Esther sehr gut. Wir werden, wie überall, herzlich verabschiedet.

 

 

An Müllkippen, aber auch am Golfplatz vorbei, versuchen wir das zu Hause von Hezouwé Tchangai, das Patenkind von Susanne und Ulli zu finden. Gar nicht so einfach. Links, rechts, wieder links, nochmal rechts – abseits der Hauptstraße sieht es überall gleich aus. Salifou schüttelt uns kräftig durch. Aimé ruft Hezouwé an. Sie findet uns und zeigt uns den Weg zurück zu ihrem Zimmer. Sie wurde von ihrer Tante in ärmsten Verhältnissen aufgezogen, da Mutter und Vater früh gestorben sind. Vor uns steht jetzt eine junge, selbstbewusste Frau, die in einer Ganztagsschule ein Jahr Pharmaziekauffrau studiert. Sie berichtet über ihre Lehrfächer, wie Buchhaltung, Pharmakologie, Anatomie, Englisch und Krankenpflege. Wenn Hezouwé mit der Schule durch ist, wird sie ein Praktikum absolvieren, welches von der Schule vermittelt wird. Hoffentlich funktioniert das, denn versprochen wird das von den Schulen immer. Die Realität sieht leider anders aus. Anschließend will sie in den Beruf starten. Hezouwé liest in gutem Deutsch den mitgebrachten Brief der Paten vor. Ihr kleiner Raum im Hinterhof kostet 7.500,- CFA (=11,50 €) Miete im Monat. Sie hat direkt für 13 Monate im Voraus bezahlt, was in Togo üblich ist. Meist werden 10 Monate im Voraus verlangt. Hezouwé zeigt uns ihr Zimmer. Bescheiden – aber das eigene „Reich“. Im Innenhof herrscht reges Treiben. Eine Frau wäscht die Wäsche. Eine andere Frau bereitet auf dem Mahlstein etwas für das Mittagessen vor. Und laut ist es auch, denn aus der nahen Kirche sind laute Musik und Reden zu hören. Auch Schreie sind zu hören. Völlig normal sonntags in den vielen Kirchen jedweder Glaubensrichtung in Togo. Die 9,3. Millionen Einwohner sind sehr gläubig und gehen trotzdem zusätzlich oft zum Voodoo-Priester. Beindruckt von der Entwicklung von Hezouwé und der Leistung ihrer Tante geht es weiter. Nun steht Marie auf der Liste. Aber sie ist zu Hause nicht anzutreffen, obwohl der Besuch von Aimé angekündigt war. Marie ist offensichtlich in der Kirche. Wir fahren weiter und bestellen Sie für später zu ihrem Bruder Josef ein.

 

 

Der nächste auf der Liste ist Elolo, Patenkind von Philipp. Durch einen langen Schlauch erreichen wir sein Zimmer am „Reihenhaus-Ende“. Wir nehmen auf der kleinen Terrasse Platz. Ich schaffe es direkt dem Plastikstuhl zu beweisen, dass er nicht zu mitteleuropäischen Körpergewichten passt. Es macht „rumms“! Ergebnis: Elolo bekommt von mir das Geld für eine Neuanschaffung. Elolo hat inzwischen alle Nachprüfungen im Studium erfolgreich bestanden. Die Gesamtnote für seine Prüfungsleistungen hat er noch nicht. Wir versuchen ihm die Einzelnoten zu entlocken. Etwas zäh kommen Noten zu u.a. Wirtschaftswissenschaften, Informatik, Marketing und Qualitätssicherung. Seli wird uns die Leistungsnachweise zuleiten, sobald Elolo sie hat. Elolo hat seine Bachelor-Arbeit mit dem Titel „Verbesserung der internen Kommunikation bei der Intel-Gruppe“ fertiggestellt. Im Juni will er sie „verteidigen“, was aber, nach seiner Auskunft 195.000,- CFA (= knapp 300,- €) kosten soll. Elolo stellt sich vor danach ein Masterstudium in Frankreich oder im Senegal anzuschließen. Er kennt eine Organisation in Togo, die entsprechende Plätze vermittelt. Wir versuchen Elolo zu überzeugen, dass das keine gute Idee ist, zumal für Europa nur sehr gute Studenten genommen werden, die auch in der Regelstudienzeit den Abschluss geschafft haben. Er gehört nicht zu der Gruppe. Derzeit hat er nach einem Praktikum nebenbei einen Job als Grafikdesigner. Noch ist er in der Probezeit. Damit verdient er 50.000,- CFA (= gut 75,- €) im Monat. Er soll lieber weiterarbeiten und den Master, wie in Togo üblich, an der Abendschule absolvieren. Silvia überreicht das Geschenk von Philipp – ein Trainingsanzug. Elolo bedankt sich. Es fällt auf, dass vor allem seine linke Hand leicht zittert. Dies hatte auch schon sein Vater. Wir verabschieden uns herzlich.

 

 

Auf einen wilden Ritt geht es weiter durch unzählige Schlaglöcher zu Marcel. Er wohnt mit seinen Eltern und Geschwistern auf einem großen Gelände mit Parkanlage einer Notarin im Nebenhaus. Die Umgebung hätte nicht vermuten lassen plötzlich in einem gepflegten Park zu stehen. Schmetterlinge kreuzen unseren Weg. Palmen, blühende Sträucher, Vollieren – ein kleines Paradies in unwirklicher Gegend. Die Familie darf hier wohnen, da sie auf das Gelände aufpasst. Marcel studiert erfolgreich im 3. Semester Jura und macht zugleich eine Ausbildung zum Glaser. Diese schließt er nächstes Jahr ab. Eine doppelte Belastung, die er gut meistert. Marcel berichtet über einige seiner Fächer, wie Öffentliches Finanzwesen, Internationales Recht, Allgemeine Theorie des Rechtswesens und Vermögensrecht. Die anwesenden Eltern sind sichtlich stolz auf ihn. Die Vorlesungszeit ist von 7:00 Uhr bis 15:00 Uhr. Bis zu 45 Stunden Vorlesungen gibt es in der Woche. Wenn sie in Präsenz angeboten werden, nimmt Marcel teil. Sonst widmet er sich der Glaserausbildung und besucht dann die Nachholkurse in Jura. Auch seine anwesende Schwester Justine studiert sehr erfolgreich. Die weitere Schwester Tomasine geht noch zur Schule. Große Freude bereitet der von Silvia mitgebrachte und von Klaus eingerichtete Laptop. Marcel strahlt!

 

 

Weiter zu Josef. Dort haben wir auch seine Schwester Marie hin gebeten, die wir zuvor nicht angetroffen hatten. Auch hier ein unscheinbares Tor an einer Mauer und dahinter ein Innenhof mit langem Gang und kleinen Behausungen. Ich suche mir auf der Terrasse nur noch Holzstühle aus. Josef sprudelt vor Begeisterung von seinem Studium der Informatik. Er berichtet von den Fächern im dritten Semester, wie Algorithmus, Vektorrechnung, Matrizenrechnung, Programmieren, Netzwerkstrukturen, Algebra und Differentialrechnung. Ich verstehe nur Bahnhof. Silvia und Klaus sind in ihrem Element. Silvia tauscht sich mit Josef zum Thema ChatGPT aus und mahnt zur kritischen Nutzung. Man bekommt auf jede Frage eine Antwort – aber nicht die Gewissheit, dass sie richtig ist. Auch das Studium „Internationale Wirtschaft“ läuft bei Marie erstaunlich gut. Marie wird damit Diplomkauffrau werden können. Sie ist 3 Jahre älter als Josef, war aber in der Schule eher Spätstarterin. Marie heißt offiziell Giselle, da der Vater seinerzeit einen falschen Namen bei der Eintragung der Geburt angegeben hat. Sie studiert auch im dritten Semester. Marie trägt uns ihre Noten vor. In der Familie gibt es noch die weitere Schwester Filberta und den Bruder David. Marie verspricht uns beim Abschied beim nächsten Mal wirklich anzutreffen zu sein.

Den Abschluss macht Gloria. Die Familie bittet uns durch den Innenhof, wo die Tante den Sohn von Reine, Schwester von Gloria, betreut. Die Mutter von Gloria ist an Aids erkrankt. Wir sitzen in dem kleinen Raum. Gloria hat ihr Fachhochschuldiplom Management / Buchhaltung fast in der Tasche. Sie muss noch ihre Diplomarbeit im Januar verteidigen. Voraussetzung dafür ist, dass Sie bis dahin auch die Praktikumsbescheinigung vom Elektrizitätswerk erhält. Sie arbeitet inzwischen bei dem chinesischem Motorradhersteller Hoyun im Geschäft in Aneho als Kassiererin. Sie ist noch in der Probezeit und verdient 55.000,- CFA (= knapp 85,- €). Ihre Schwester Clarisse steht kurz vor dem Abitur und möchte dann Informatik studieren. Ob das überhaupt möglich ist, soll demnächst ein Auswahlverfahren zeigen. Der Bruder Fortuné ist in der ersten Gymnasialklasse und möchte ebenfalls später Informatik studieren.

 

 

So geht ein spannender Patenschaftstag zu Ende. Seli verabschiedet sich von uns und wird ab Januar leider nicht mehr neben Aimé für die Patenschaftsbetreuung zur Verfügung stehen. Sie möchte sich auf ihre Arbeit am Goethe-Institut und an der Universität konzentrieren. Wir bedauern das sehr und sagen Seli DANKE für die lange Zusammenarbeit. Wie es weitergeht, wird der Vorstand entscheiden. Es war heute ein „Höllenritt“ im heißen Bus auf abenteuerlichen Wegen zu den Patenkindern. Aber es waren auch wieder sehr ermutigende Beispiele für die erfolgreiche Arbeit der Togo-Hilfe mit den Patenkindern zu erleben. Oftmals wurden die Kinder aus noch erbärmlicheren Lebensverhältnissen durch die Unterstützung in eine selbstbestimmte Zukunft geführt. Und das zählt. Wir lassen den Abend gemütlich ausklingen.