9. Tag - Togoreise 2025

Nachdem wir gestern ein volles Patenkinderprogramm hatten, soll es heute ein Wochenbeginn ohne Patenkinder sein. Wir frühstücken wieder nach dem Modell „Roulette“ – mal sehen, was heute auf den Tisch kommt oder fehlt. Butter ist jedenfalls aus. Dafür diesmal Mango-Früchteteller. Wir wollen zunächst zur Schule von Dr. Gover fahren, ein privates Gymnasium, dass wir schon in den Anfängen der Togohilfe Rheinbach unterstützt haben. Auf dem Weg dorthin fallen die immer mehr werdenden Motorräder auf. 99 % sind aus China. Die Zahl nimmt jedes Jahr zu. Dafür verschwinden nach und nach die eigentlich nicht mehr fahrtüchtigen Altautos aus Europa. Auch hier haben sich neuere, asiatische Modelle durchgesetzt. Fand man früher noch einen ausrangierten Taxi-Mercedes, so ist das heute nicht mehr der Fall. Zudem haben die Tuk-Tuks, auch aus China und Indien, den Straßenraum für sich entdeckt. Schier unglaublich, was die Dreiräder alles transportieren. Der Liter Benzin oder Diesel kostet knapp über bzw. knapp unter 1 Euro. Das ist ein stolzer Preis für die Togoer. Daher boomt auch der illegale Benzinschmuggel, vor allem aus Nigeria. In ausgedienten Schnapsflaschen wird der Sprit an jeder Straßenecke angeboten. Der seitliche Straßenraum ist sonst von unzähligen kleinen Ständen belegt, die alles Mögliche versuchen zu verkaufen. Von Tempo-Taschentüchern über Brot, Motorradhelme, Ersatzreifen oder Obst, bis hin zur Garküche – alles wird feilgeboten. Freie Bereiche werden als wilde Baumschulen genutzt. Ein Eimer, eine Plastiktüte oder ein Gefäß mit Erde füllen, dann ein Setzling rein – fertig. In kurzer Zeit entfaltet sich eine Palme oder andere Pflanzen. Wo Wasser ist wächst hier alles. Gleich daneben werden dann Steine gegossen. Aus einer Betonmischung in Formen gegossen wird nach kurzer Zeit der Baustein für den Haus- oder Mauerbau. Mauern gibt es hier überall, denn niemand lässt irgendetwas ungeschützt zugänglich. Dicke Eisentore, mehrfach gesichert, kommen dann noch dazu. Wir machen uns auf der Fahrt durch die Stadt Gedanken zum Mittelstand. Den gibt es hier auch, aber der fängt schon bei einem Monatsgehalt von 100 Euro an. Der weitaus größere Teil der Bevölkerung verdient deutlich weniger. Wir kommen bei der Schule Dr. Gover an. Alles ist verrammelt. Die Schule gibt es nicht mehr. Das wussten wir, denn nach dem Tod des immer sehr kranken Dr. Gover ist seine Frau zu einer Tochter in die USA gezogen. Wir hätten uns gerne nochmal in den Räumlichkeiten umgeschaut, denn auch da hängen viele Erinnerungen dran. Die von der Togohilfe finanzierte Wassserzapfstelle, die dem ganzen Viertel diente, ist noch zu sehen. Es öffnet ein junger Mann die Tür. Er passt auf das Eckhaus auf, bis es verkauft ist. Wir können leider nicht hinein.

Stattdessen wollen wir uns mal einen der neuen französischen Supermärkte hier anschauen. Le Champion ist eine Supermarktkette, die man zunehmend in Togo findet. Vor dem Eingang begrüßt uns erst der aufgeblasene Weihnachtsmann und dann die Security. Es ist nichts los im modernen, klimatisierten Laden. Es gibt alles, was es auch in einem deutschen Supermarkt gibt, incl. einem Non-Food-Bereich. Wir staunen nicht schlecht: alle Haribo-Sorten wie bei uns, Cornflakes von allen Marken, Marmeladen aus Frankreich und Deutschland – einfach alles. Auch die Käsetheke kann sich sehen lassen. Die Preise sind etwas – aber nicht viel – höher als bei uns. Trotzdem ein Laden nur für die Oberschicht. Waren aus Togo: Fehlanzeige. Wir gönnen uns ein Eis vom Stiel und hoffen, dass die Kühlkette von Europa bis in den Laden nicht zu oft unterbrochen war.

Das Mittagessen nehmen wir im Hotel Alize Plage ein. Nicht weit weg von unserem Hotel Novela Star, aber gemütlicher und vom Personal deutlich engagierter. Hier haben die Frauen das sagen. Das spürt man. Die Anlage mit dem Pool ist nett angelegt und sehr gepflegt. Am Strand gibt es Sitzgelegenheiten und der Blick aufs Meer mit der frischen Brise (bei 34°C) ist wirklich schön. Weit draußen sieht man die Containerschiffe, die auf die Einfahrt in den Hafen warten. Das Hühnchen ist zwar was zäh, aber wo soll hier auch Fleisch an den Hähnchenkörper kommen. Die Erdnusssoße und der Reis aus Togo reißen es raus.

Wir machen uns anschließend nochmal kurz in unserem Hotel frisch, denn am Nachmittag steht der Besuch an der Deutschen Botschaft an. Nach den üblichen Sicherheitsvorkehrungen werden wir von dem Botschafter Dr. Claudius Fischbach und seiner Mitarbeiterin Friederike Hellbusch empfangen. Beide kennen die Togohilfe Rheinbach bereits und bedanken sich für den letzte Woche schon vorbeigebrachten Weihnachtsstollen und natürlich unseren Besuch. Michael überreicht den Jahreskalender 2026 der Togohilfe an die Beiden. Klaus hat wieder die Bilder beigesteuert und Silvia zum neuen Thema „Togo zwischen gestern, heute und morgen – Gesellschaft im Wandel“ interessante Monatstexte auf der Rückseite der Kalenderblätter verfasst. Wirklich ein besonderer Kalender – jedes Jahr. Auf dem Rheinbacher Weihnachtsmarkt wird er am dritten Adventssonntag zu erwerben sein. Der Botschafter fragt nach unseren Eindrücken dieses Jahr und ist positiv erstaunt, dass die von uns begleiteten Studenten doch einen Job im Erlernten gefunden haben oder finden werden. Das sei leider die Ausnahme. Es gibt in Togo 115.000 Studenten an den Universitätsstandorten Lomé und Kara, aber 75 % der Absolventen arbeiten später deutlich unter dem, was sie angestrebt haben. Das gilt auch für die 2.000 Germanisten, die das Land nicht beschäftigen kann. Sorgen bereitet Dr. Fischbach, dass der Hunger nach Westafrika zurückkehrt. So nutzt Togo nur 40 % des kultivierbaren Bodens für die Landwirtschaft. Dazu werden auch nur 0,9 % der landwirtschaftlich genutzten Fläche bewässert. Hier hätte Togo weitaus größeres Potential. Es regnet viel und reichlich. Das Wasser müsste in unterirdischen Zisternen gesammelt und dann der Landwirtschaft zugeführt werden. Die Technik ist einfach. Aber es passiert nichts. Hilfe zur Selbsthilfe wäre hier am dringendsten. Darüber hinaus lässt die Bereitschaft der Jugend für die Feldarbeit deutlich nach. Es müsste auch in Togo niemand hungern. Stabilitätsanker sind für Herrn Dr. Fischbach eine starke Regierung, die die wichtigen Themen anpackt, und vor allem der Jugend eine Perspektive gibt. Millionen junge Togoer sind arbeitslos. Ein Sprengstoff für die Stabilität des Landes. Seit Mitte Oktober steht die Regierung der 5. Republik in Togo. Das bisherige Regierungssystem ist umgekrempelt worden. Der Präsident ist nun im Amt und muss sich keinen Wahlen mehr stellen. Ein autokratisches Regierungssystem. Vor den Wahlen gab es, wie stets, Unruhen im Land. Polizei und Streitkräfte haben alles – im wahrsten Sinne des Wortes – niedergeschlagen. Teilweise wurde das Internet abgeschaltet, was die Koordination der Studentenproteste vor allem aus Frankreich erschweren sollte. Dies führte aber zum Verdruss bei den hier ansässigen ausländischen Firmen, die auf eine funktionierende Internet-Infrastruktur angewiesen sind. Jetzt muss die neue (alte) Regierung „liefern“. Der unruhige Norden Togos, durch Vorstöße aus Burkina Faso, ist ruhiger geworden. 

50.000 Fluchtlinie aus Burkina Faso leben im Norden von Togo. Um die Grenze sicherer zu machen, hat der Staat einen 8 m hohen Erdwall entlang der Grenze zu Burkina Faso aufschütten lassen. Die Staaten in der Subsahara verlieren zunehmend den Einfluss auf ihr Staatsgebiet. Wenn das Gewaltmonopol des Staates schwindet, dann ist Chaos vorprogrammiert. Zudem wächst immer noch die Bevölkerung stärker als die Wirtschaft. Das ist nicht zu verkraften. In Togo bekommt jede Frau im Durchschnitt 4.1 Kinder. In Niger sind es 7,2. Ginge es nach den Vorstellungen der Frauen in Niger, dann wären es sogar 15 Kinder. Männer wären mit 13 zufrieden. Kinder werden dort als Alterssicherung gesehen. Die Zahlen gehen inzwischen zwar runter, aber noch viel zu langsam. Erschwerend kommt hinzu, dass z.B. das UN Flüchtlingshilfswerk UNHCR sich weiter zurückzieht, da vor allem für die Hilfsprogramme der Geldgeber USA fehlt. Ein weiteres Problem gibt es mit der unzureichenden Anbindung von Lomé im Süden bis an die Grenze nach Burkina Faso. Eine Haupthandelsroute, aber in der zweiten Streckenhälfte von der Fahrbahn her eine Katastrophe. Hoffnungsschimmer ist der größte Überseehafen Westafrikas in Lomé. Ein Joint-Venture inzwischen von MSC (Schweiz) und den Chinesen. Hier können sogar die größten Containerschiffe der Welt mit 24.000 Überseecontainern an Bord und einer Länge von 450 m anlanden. 30 % kommt aus China. Über den Hafen von Lomé schwämmt China ganz Westafrika und darüber hinaus. Von Angola bis zum Senegal. Nur 5 % der Ware bleibt in Togo. Weitere 5 % werden über LKWs vor allem in den Norden nach Burkina Faso und darüber hinaus gebracht. Aber 90 % werden in Lomé umgeschifft, um mit kleineren Containerschiffen die afrikanischen Küstenländer zu beliefern. Lomé ist damit zum Rückgrat des Afrikageschäfts geworden. Aber das verlangt Stabilität im Land. Ansonsten hat sich China aus Infrastrukturinvestitionen zurückgezogen, da Togo die Kredite nur unzureichend zurückzahlt und damit das Invest fehlt. Russland spielt nur eine untergeordnete Rolle im Land. Sie haben der Armee Helikopter verkauft und warten diese im Norden. Einer ist schon abgestürzt. Das Gespräch mit dem Historiker und Botschafter Dr. Fischbach hätten wir noch lange fortsetzen können. Es sind so spannende Themen. Aber unser Zeitfenster von 1 Stunde ist schnell rum. Wir kehren mit dem Versprechen wieder zu kommen und herzlichen Grüßen von seinem Klassenkameraden Georg Persch (Rheinbacher!) – über die er sich sehr gefreut hat – zurück in unsere Hotelanlage,

 

Der Abend dient der Diskussion über das heute Erlebte. Es ist immer wichtig den guten Draht zur Botschaft zu nutzen. Die Botschaft muss wissen, was wir machen, und wir müssen wissen was der deutsche Botschafter zu sagen hat.