Nach dem Zimmerservice gestern gab es auch neue Mücken gratis dazu. Die sind so pfiffig, dass sie erst in der Nacht aus den Verstecken kommen. Ich werde mir mein Handtuch nun selbst tauschen gehen. Das Frühstück heute wieder mit Butter. Nur der Kaffee wurde vergessen – aber schnell nachgeliefert.
Wir brechen nach dem Frühstück auf zu COA, dem Centre Omnitherapeutique Africain, Institut Superieur des Sciences et Praqutiques Medicales Mixtes im Stadtteil Sanguéra von Lomé. Auf Deutsch: Afrikanisches Zentrum für Omnitheraphie, Institut für Medizinische Wissenschaften und gemischte Praktiken. Wir kommen am Hafen am riesigen Zementwerk-Gelände von CIMTOGO, das ist Heidelberg-Zement, vorbei. Das ist der Platzhirsch bzgl. Zement in Togo. Inzwischen gibt es aber auch billigere Konkurrenz durch CIMCO, eine chinesische Zementfabrik gleich nebenan. Unterwegs fällt auf, dass trotz der vielen Moscheen relativ wenig vollverschleierte Frauen auf der Straße anzutreffen sind. Hier wird der Islam noch was weniger streng ausgeübt. Stets im friedlichen Einklang mit den Gotteshäusern nebenan. In Togo ist alles vertreten. Sogar die Zeugen Jehovas. Wir erreichen nach 75 Minuten gut durchgeschüttelt COA. Hier will man nicht mit dem Krankenwagen hinmüssen! Dr. Gudrun Aba Eklu, die Chefin von COA, und ihr Mann Toussain begrüßen uns. COA und Togo-Hilfe kennen sich seit vielen Jahren. COA ist eine anerkannte Hochschule, die sich gut weiterentwickelt und z.Zt. 36 Studenten, darunter 9 Studenten, die gerade das erste Semester begonnen haben, hat. Alles ist privat betrieben, so dass auch die Studiengebühren sehr hoch sind. COA bietet die Studiengänge Pharmazeutische Wissenschaften, Bioingenieurwesen für Medizin und Umwelt, sowie koalierte Medizin, also die Verbindung von moderner und traditioneller Medizin an. Schwierig ist es die Studenten „ins Sprechen zu bekommen“, vor allem im Wirtschafts- bzw. Medizinenglisch. In Togo ist man Frontalunterricht gewohnt, aber nicht das Mitmachen in der Vorlesung. Nächstes Jahr werden 15 Jahre COA gefeiert. Erfreulich ist, dass alle Absolventen in ihrem Erlernten arbeiten, teilweise in staatlichen Krankenhäusern, als Chirurgen, in der Selbständigkeit oder als Assistenten bei COA. Ein Erweiterungsbau ist fast fertig gestellt. Hier wird u.a. die Produktion der selbst hergestellten Tabletten, Kapseln, Seifen, etc. beheimatet sein. Hierfür ist bereits eine Qualitätskontrolle mit entsprechendem Labor aufgebaut worden, um sicherzustellen, dass die Wirkung der Heilpflanze sich auch im Medikament wieder findet. COA stellt die Wirksamkeit von Heilpflanzen in den Mittelpunkt. COA kooperiert u.a. mit der Hochschule für traditionelle und alternative Medizin in Ho, Ghana. COA bietet aber auch Lehrgänge für medizinisches Personal an, damit diese die traditionelle Medizin besser zu verstehen. Das Wissen der Stammesführer, die gleichzeitig Heiler sind, um Heilpflanzen und Gifte in Afrika ist stets nur mündlich von Generation zu Generation an eine vertrauenswürdige Person im Stamm weitergegeben worden. COA ist es gelungen mit viel Vertrauen nach und nach das Wissen einiger Heiler zusammenzutragen. Die daraus entwickelten Medikamente kommen den Heilern und deren Volk wirtschaftlich wieder zugute. Der Generalsekretär von COA, Dr. Kueviakoe Ekoe, ist Anthropologe und vermittelt den Studenten die Kenntnis zum anthropologischen Menschen. Es geht also nicht nur um den pathologischen Menschen. Die Philosophie von COA muss man verstehen wollen. Landwirtschaft der Heilpflanzen und Umweltschutz sind ein Teil des Studiums. Zusammengearbeitet wird auch mit Prof. Dr. Langhorst von der Klinik für integrative Medizin und Naturheilkunde in Bamberg, ein Internist und Gastroenterologe. Gerade Ernährung spielt bei der traditionellen Medizin eine wichtige Rolle. Gudruns Mann hat ein Buch zur Kultur des Stammes der Ewe geschrieben, dass in Kürze auch in Deutsch übersetzt werden soll. Voller Eindrücke und interessanter Erfahrungen verlassen wir die Klinik, das Institut und die Hochschule – alles in einem.
Es geht zurück ins Zentrum von Lomé. Lomé ist eine riesige, stets weiter ausufernde Hauptstadt geworden. Geschätzt leben 2,1 Mio. Einwohner in Lomé. Der Verkehr auf den schlechten Straßen wird immer mehr zum Problem. Stets umringt von mehreren Motorrädern muss sich Salifou Platz verschaffen. Für uns Mitteleuropäer ein Phänomen. Wir treffen uns am Mittag mit Raoul, dem Inhaber von Alba Travel, den Michael seit dem ersten Besuch im Jahr 2000 kennt und jährlich in Lomé trifft. Raoul hat uns mit seiner Frau Josette zum Mittagessen in ein Restaurant, dem Vivi Royale, eingeladen. Auch ein amerikanisches Ehepaar aus New York, eigentlich aus Trinidad (er) und Kanada (sie) kommend, sind mit dabei. Die zwei bereisen in 5 Tagen ganz West-Afrika. Es entspannt sich ein interessantes Tischgespräch zu Togo, Deutschland und den USA. Raoul war letztes Jahr über Weihnachten mit seiner Frau in Rheinbach. Das Ambiente, der Service und das Essen – alles stimmt. Egal ob Fisch, Spanferkel, Obstdessert oder der Wein – Togo kann es doch! Nach dem Essen schlendern wir zu einem Handwerkermarkt. Ein nobler Handwerkermarkt! Wir bestaunen alles – aber es ist nichts für unsere Weihnachtsmarktbude dabei.
Auf dem Rückweg zum Hotel hat Silvia noch den Tipp in der Apotheke Lutschbonbons aus dem Senegal, gut gegen Halsschmerzen, Erkältung und Husten einzukaufen. Das tun wir! Im Hotel Novelo Star wartet schon Reine mit ihrem dreimonatigen Baby. Silvia unterstützt Reine regelmäßig. Ein Frauengespräch findet statt. Reine hat Probleme mit dem Augeninnendruck, was aber offensichtlich nur das Ergebnis falscher Messungen ist. Außerdem muss sie durch Herzprobleme mit einem angeblich zu großem Herz alle fünf Tage zur Blutuntersuchung. Anschließend werden stets mit den Laborergebnissen die Medikamente nachjustiert. Trotzdem stillt Reine ihr kleines Baby. Alles recht seltsam. Die Notwendigkeit der so häufigen Blutuntersuchungen wird überprüft. Reine könnte, von Silvia vermittelt, ein Praktikum in Kpalimé in der Verwaltung von APEM machen. Das wird nun geprüft.
Die Hotelangestellten sind heute alle ganz Adrett gekleidet. Mit weißem Hemd und Fliege. Auf dem Rasen vor dem Pool ist festlich eingedeckt. Eine Gesellschaft Afrikaner hat sich zum Buffet verabredet. Wir sind überrascht, denn alles läuft ruhig ohne Musik ab. Nach gut 2 Stunden sind auch alle wieder weg. Wir freuen uns über die frische Brise und bereiten uns auf die nächste tropische Nacht vor. Aber die dezent eingestellte Klimaanlage lässt es erträglich werden.


